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Der eine tritt ab, der andere nach – Zum Text „In eigener Sache“ von Cordt Schnibben über Wolfgang Büchner

Quelle: Cordt Schnibben auf Facebook (https://www.facebook.com/cordt.schnibben/posts/498102280329405:0)

Wolfgang Büchner tritt als Chefredakteur des Spiegel ab und Cordt Schnibben – langjähriger Spiegel-Redakteur – tritt nach. Er übt zwar auch inhaltlich Kritik, aber Formulierungen wie „Seit heute bin ich wieder optimistisch und ein glücklicher, freier Mensch, der wieder gern zur Arbeit fährt.“ erregen den Verdacht, das Büchner hier diabolisiert werden soll.

Und dann liest man, dass Büchner quasi ALLES und die Redakteure NICHTS falsch gemacht haben. Man liest, dass Büchner der einzig böse war und der ganze Rest die einzig guten sind. Nur Schwarz und Weiß! Mir fehlen in Schnibbens Text aber die vielen Grautöne, die garantiert zu der Geschichte gehören.

Hier Cordt Schnibbens Text auf Facebook:

Quelle: Cordt Schnibben auf Facebook (https://www.facebook.com/cordt.schnibben/posts/498102280329405:0)

Quelle: Cordt Schnibben auf Facebook (https://www.facebook.com/cordt.schnibben/posts/498102280329405:0)

ZITAT ANFANG

In eigener Sache

Ich bin hier auf Facebook in den letzten Monaten immer mal wieder angesprochen worden, warum diese verbohrten Print-Leute beim SPIEGEL sich dem Fortschritt verweigern. Kürzlich hat sogar Außenminister Frank-Walter Steinmeier in einer Rede behauptet, wir hätten „den Kampf um die besten Lösungen vorübergehend eingestellt“ und würden uns „konzentrieren auf interne Machtkämpfe“. Als SPD-Politiker muss er eigentlich wissen, dass beides (oft) zusammengehört.

Ja, Monate langer, quälender und peinlicher Auseinandersetzungen liegen hinter uns, und sie sind nur zu rechtfertigen damit, dass am Ende vernünftige Lösungen gefunden werden. Seit heute bin ich wieder optimistisch und ein glücklicher, freier Mensch, der wieder gern zur Arbeit fährt. Und erstaunt darüber, wie wenig hier und in anderen Medien verstanden wird, was im SPIEGEL in den letzten Monaten passiert ist. Darum muß es jetzt mal raus.

Ich schreibe seit 25 Jahren für den SPIEGEL, seit fünf Jahren mache ich mich stark für die Digitalisierung des Heftes, seit anderthalb Jahren bin ich nicht mehr Print-Ressortleiter sondern entwickele zusammen mit Online-Kollegen neue Formen des multimedialen Erzählens. Für die Chefredaktion besuche ich regelmäßig digitale Konferenzen in aller Welt, um Anregungen für den digitalen Umbau der Redaktion aufzuschnappen.

Meine Chefredakteure: Erst Erich Böhme und Werner Funk, dann Hans-Werner Kilz und Wolfgang Kaden, schließlich Stefan Aust, danach Georg Mascolo und Mathias Müller von Blumencron. Gute Journalisten, anregende, fordernde Chefs, mit allen kam ich gut klar. Als Wolfgang Büchner antrat, dachte ich: der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Er war leider der falsche Mann zum richtigen Zeitpunkt am falschen Ort. Wir hätten einen Chefredakteur gebraucht, der die Redakteure mit nimmt, einbezieht, fordert, inspiriert. Der einen Plan hat zur Verbesserung des Heftes und der Website. Der die Redakteure von Print und Online von einem gemeinsamen Projekt überzeugt. Der zusammen mit den Redaktionen neue digitale Medien entwickelt.

Bekommen haben wir einen Chefredakteur, der Online und Print gegeneinander in Stellung gebracht hat, der Diskussionen mit Redakteuren großräumig vermied, der als journalistischer Inspirator weder bei Print noch bei Online auffiel, der sich um die Cover-Gestaltung des Heftes nur in Viertelstündchen widmete: So entstand mal eben „Stoppt Putin jetzt!“ und endete als Rüge vorm Presserat. Und dessen Digital-Strategie sich schnell erwies als Weg in zwei Sackgassen.

Bevor Wolfgang Büchner antrat, war das Feld der Verzahnung zwischen Print und Online bereitet: In drei Arbeitsgruppen hatten SPIEGEL Online und SPIEGEL-Redakteure Konzepte erarbeitet für die Zusammenarbeit zwischen beiden Redaktionen, für ein Paid-Content-Modell, für neue digitale Produkte. Statt auf dieser Basis zusammen mit beiden Redaktionen weiter zu arbeiten, hat Büchner eine Strategie voran getrieben, die bis heute nur ein paar Getreue verstehen. Die App ausbauen, okay, und SPIEGEL-Texte auf SPIEGEL Online kostenpflichtig machen und so fürs Heft und ein Abo werben. Das war alles. Wenn man ihn oder die anderen Überzeugten fragte, wie so – wie von ihnen versprochen – 100 000 bis 200 000 neue Abonnenten gewonnen werden sollen, zuckten sie mit den Achseln und sagten, das seien „strategische Zahlen“.

Dialog sei wichtiger als Digitalisierung, war Büchners Credo. Meine Dialoge mit ihm, immerhin sein „digitaler Scout“, wurden nie zu Gesprächen. Erkenntnisse aus der digitalen Welt, die seinem Konzept widersprachen, interessierten ihn nicht. Unsere Einwände, seine „digitale Strategie“ sei zu wenig, würden das Problem des SPIEGEL nicht lösen, führten nicht zu mehr Dialog sondern schließlich zu Null-Dialog. Das ging jedem so, der sich Sorgen machte über ein Konzept, das zu unausgegoren, zu ängstlich, zu gestrig war.
Die Arbeitsgruppe „Recherche“ beispielsweise, die am „Eisberg“ für die App arbeitete und neben Verbesserungsvorschlägen auch Zweifel hatte, wurde kurzerhand ausgetauscht.

Als die Zweifel an ihm als Chefredakteur immer größer wurden, trat er fortan nur noch als „Change-Manager“ auf, zog sich aus der Chefredaktion und dem Blattmachen zurück. Der „Eisberg“ schmolz immer mehr und wurde zu SPIEGEL 3.0 umgetauft. Das war dann nur noch ein Strukturpapierchen, das Ressortleiter quer durchs Haus schob und kritische Ressortleiter gleich vor die Tür.

Warum ich das alles schreibe? Weil ich und viele andere seit Monaten gefangen sind in diesem Irrsinn und jeden Tag vor Wut in die Tischkante beißen, wenn wieder hier auf Facebook, in den Mediendiensten oder in Zeitungen steht, da kämpfe eine Garde von uneinsichtigen Print-Ressortleitern gegen einen großen Reformer. Nein, da wehrte sich eine ganze Redaktion – zuletzt 91 Prozent aller Heftkollegen in einer Petition – dagegen, von einem Mann, der fehl am Platze war, ins Nichts geführt zu werden.

Gerade die Journalisten im Haus, denen an einer Verzahnung zwischen Print und Online gelegen ist, die endlich sehen möchten, dass der SPIEGEL all das, was wir haben – also auch unter Einbeziehung von SPIEGEL TV – in gemeinsam digitalen Projekten vereinen, sind an Büchner verzweifelt, weil er mehr blockiert als bewegt hat. In der Online – wie in der Print-Redaktion gibt es viele gute, auch gemeinsame Vorstellungen darüber, wie der SPIEGEL im mobilen Netz gemeinsam zu neuem Journalismus und neuen Erlösen kommen kann. Als das Privatfernsehen erfunden wurde, erfand der SPIEGEL SPIEGEL TV, als das Netz kam, kam SPIEGEL Online, nun geht es darum, den gesamten Laden gemeinsam zu digitalisieren. Kein Verlag in Deutschland hat bessere Voraussetzungen. Wehe, wir verkacken es.

Der Chefredakteur einer großen deutschen Zeitung sagte zu mir, als Büchner hier Chefredakteur wurde, beim SPIEGEL entscheidet sich, ob Redaktionen zukünftig von Journalisten oder von Managern geführt werden. Wir haben uns dafür entschieden, von einem Chefredakteur geführt zu werden, von einem Chefredakteur im wahren Sinne des Wortes, also von Redakteuren, die Chefs sind, weil sie zunächst mal gute Redakteure sind, die also wissen, was eine gute Story ist, die Schwächen in einem Text erkennen und korrigieren können, die ungewöhnliche Storys anregen und einfordern können, die Cover gestalten können und die eine Redaktion – weil sie all das können – deshalb von einem Transformationsprozess überzeugen können, der den Journalismus, für den sie einstehen, seit sie Journalist sind, ins Netz, vor allem ins mobile Netz überführt. Der Kern einer erfolgreichen Digitalstrategie, liebe Change-Manager, sind starke und ungewöhnliche Geschichten, für die digitale Leser gern Geld zahlen. Darum ist die erste Aufgabe jeder Digitalstrategie, in einer Redaktion –Print wie Online – starke Chefredakteure zu installieren, die eine Redaktion dazu bringen, den bestmöglichen Journalismus ins Heft und auf die Site zu stellen.

Wer glaubt, nur mit administrativen und machiavellischen Mitteln den Journalismus digitalisieren zu können, ist ein Mann von gestern. Wer glaubt, solch einen Mann an die Spitze von 400 leidenschaftlichen und kritischen Print- und Onlinejournalisten setzen zu können, hat den Fehlgriff seines Lebens zu verantworten. Sorry!

Lieber Ove, lieber Wolfgang, das sind harte Zeilen, ja, ich schreibe sie nicht, um euch zu verletzen, ich schreibe sie, weil ich nicht mehr ansehen kann, wie eine ganze Redaktion, die sich für die richtige Sache stark macht, als ein Haufen von Fortschrittsverweigerern an den Pranger gestellt wird. Wie heißt es unten bei uns im Atrium? „Sagen, was ist.“ In Stahl auf Stein, geschrieben von Rudolf Augstein.

ZITAT ENDE

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